da haben wir den Schulskandal mal in all seiner Pracht:
"Wir haben in meiner Schulzeit im Biologieunterricht nie ein lebendes Tier gesehen
und sind nie nach draußen in die Natur gegangen."

Die Frau, die letztens (Februar 2020)

"Wir haben in meiner Schulzeit im Biologieunterricht nie ein lebendes Tier gesehen
und sind nie nach draußen in die Natur gegangen."

gesagt hat, war gerade erst zwei Jahre aus der Schule raus. Es ist also zu vermuten, dass ihre Erinnerung noch nicht durch viele Jahre oder gar (wie bei mir) Jahrzehnte Abstand getrübt war.

Mehr als 40 Jahre nach meiner Schulzeit bin aber auch ich mir ziemlich sicher, dass wir damals ebenfalls im Biologieunterricht nie ein lebendes Tier gesehen und nie den Biologieraum

(und andere Klassenräume oder überhaupt die Schule )

verlassen haben.

(Aus meiner Schulzeit kann ich mich noch an ausgestopfte Vögel erinnern. Sowas mag ab und zu sinnvoll sein - und ist doch ein Leichenschauhaus.)

Neu ist das Problem also nicht, sondern es hat gefährlich ehrwürdige Tradition.


 
 


Und doch weiß ich als "reiner" Mathematiker, der da auf die Außenwelt pfeift, dass auch die Theorie grün sein kann, und man sollte versuchen, auch das den Schülern zu vermitteln.

(und die "lebensfremde" Physik und [Bio-]Chemie sind da nur Hilfswissenschaften).

Da ist es doch nurmehr ein Skandal, wenn im Biologieunterricht niemals

(oder nur allzu selten)

"echtes" Leben vorkommt

("echtes", weil Tierfilme doch nur ein müder Abklatsch sind).

Das gilt allemal für die Unter- und Mittelstufe eines Gymnasiums, aber genauso für die Oberstufe

(in der selbstverständlich auch "lebensfremde" theoretische Herangehensweisen gelernt werden müssen).

Also sind

(wobei hier mal von der Biologie des lebenden Menschen abgesehen sei - der allerdings auch nur eine Subspezies der Tiere ist)


Der "Biologie-Skandal" ist aber sogar teilweise

(und das seit Descartes!)

in der (Universitäts-)Wissenschaft angelegt:

(oder zumindest lange Zeit abgesprochen haben; vgl. etwa

"Das Standardmaß von Schmerz bei einem Menschen ist dessen eigene Aussage, denn nur er [und nicht andere Menschen] kennt die Qualität und Intensität des Schmerzes und den Grad des Leidens. Tiere ohne Sprechvermögen können ihr Befinden [uns Menschen] nicht mitteilen [oder doch durch Gestik und Mimik?]. Ob sie sich bewusst und imstande sind zu leiden, war Gegenstand zahlreicher Erörterungen, nachdem bis in die 1980er Jahre [des 20. Jahrhunderts] Studenten gelehrt wurde, dass Tiere keinen Schmerz empfinden würden."
[Quelle: ])
,

ist doch nurmehr ein (schlechter) Witz

(mit dem sich allerdings wunderbar Tierversuche legitimieren lassen - und gleichzeitig zumindest bei Psychopharmaka ad absurdum geführt werden).

Und an dem Weltbestseller mag einiges wissenschaftlich auszusetzen sein

(vgl. ),

aber das Buch zeigt immerhin doch, dass Bäume nicht ganz so dumpf in der Gegend rumstehen, wie die Wissenschaft lange Zeit gedacht hat.


Der Skandal zeigt sich aber nicht nur im Fach Biologie, sondern ebenso in den anderen Naturwissenschaften, den Sozialwissenschaften - und der Geographie:

Ich weiß noch über 40 Jahr nach meiner Schulzeit, dass die ostsibirische Ort Werchojansk eine "Temperaturamplitude"

(Differenz zwischen höchster und tiefster Temperatur)

von über 100 Grad hat:

Nun ist Werchojansk allerdings nicht gerade ein Ort, den man im Schulunterricht aufsuchen könnte

(und vermutlich ist an diesem Ort mit seinen gerade mal 1300 Einwohnern außer der doch ziemlich abstrakten Temperaturamplitude auch wenig bemerkenswert).

Hingegen habe ich über meine direkte Umgebung, also (Nord-)Deutschland, im Schulunterricht arg wenig gelernt: wohl mal etwas im "Heimatkunde"-Unterricht in der Grundschule, aber danach auf dem Gymnasium lange Zeit gar nichts - bis dann in der Oberstufe ein Erdkundelehrer eine hochinteressante Unterrichtseinheit über "Deutschland vom Nordseestrand bis zum Mittelgebirge" gemacht hat. Den Klassenraum haben wir dabei aber auch nicht verlassen.

(Nebenbei: "Heimatkunde" ist mir

[und zwar trotz Seehofers bescheuertem "Heimatministerium"]

viel lieber als die heutige, maximal nichtssagende Bezeichnung "Sachkunde"

[obwohl es natürlich eigentlich keine Steigerung von "nichts" gibt].)

Dabei liegt Norddeutschland doch vor Münsters Tür und hätte man auf einer mehrtägigen Exkursion doch wirklich mal

aus nächster Nähe beobachten können

(und später im Klassenraum wissenschaftlich "durchdringen" müssen , wobei die Grafik wie auch der zugehörige Text wahrhaft keine zufriedenstellenden Erklärungen sind).


Ich halte es ja sowieso schon für tragisch, dass die Astronomie überhaupt nicht im Schulunterricht vorkommt, oder wenn doch, dann nur ganz kurz in der Physik oder Geographie

("da war mal ein gewisser Kopernikus, aber das würde jetzt zu weit führen").

Ein Witz es aber, dass das dann nur

geschieht.

Wie soll da denn bei Schülern

(die oftmals noch nie eine Nacht unterm freien Sternenhimmel verbracht haben)

überhaupt ein Interesse am Sternenhimmel aufkommen - oder gar Immanuel Kants "Bewunderung", "Ehrfurcht", "sehe" und "verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz", was alles ja auch eine Motivation für Wissenschaft sein könnte?:

"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz."




   

 




Es geht mir hier nicht um die an den Haaren herbeigezogenen, sogenannten "eingekleideten" (Pseudo-)"Anwendungs"-Aufgaben und auch nicht um die Pseudo-Lebensnähe von Handy-Aufgaben in der Mathematik

(wo doch Jugendliche andauernd über ihren Smartphones hängen):

wer vergleicht denn allen Ernstes verschiedene Handytarife nach mathematischen Kriterien!?

Sondern es geht mir um die Phänomene in der Welt ringsum

(vgl. ),

die doch fast immer der Einstieg in eine wissenschaftliche Beschäftigung waren:

"Staunen ist der erste Grund der Philosophie [die damals auch die Wissenschaften umfasste]."
(Aristoteles)

Staunen kann aber heißen:

„In der Ferne, mitten im Meer, fuhren kleine Berge aus grauem Kies vorbei, überragt von einem Ladebaum, begleitet von Möwen. Welches Dauer[!]wunder hält die Sandkähne vom Untergehen ab?“
(Quelle: )

(die wiederum um das Zentrum der Milchstraße kreist , welche sich mit noch größerer Geschwindigkeit von fast allen anderen Galaxien weg bewegt).

Warum bemerke ich das alles nicht?


Der wichtigste Grund für den Ausschluss der "Phänomene" aus dem Unterricht ist die Textlastigkeit in fast allen Schulfächern: Texte kommen den Schülern doch zu sämtlichen Poren wieder heraus.

Aber vorweg, damit man mich nicht falsch versteht:

(inzwischen allerdings eher auf e-Books)

ein Lebensmittel, und es ist in den letzten 40 Jahren wohl kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht zumindest vor dem Einschlafen noch ein paar Seiten gelesen habe

(bis die Sätze dann nicht mehr in meinen Kopf passten).

(und allemal ziehe ich Bücher ihren meist überflüssigen Verfilmungen vor).

("news" und "infotainment" sind immer überflüssig, weil sie nur aufmotzen, was schon morgen vergessen sein wird).

Warum aber sind Texte im Schulunterricht derart dominant?:

  1. , weil sie nunmal lange Zeit "Leitmedien" waren, zu denen es kaum Alternativen gab

(höchstens Experimente und wackelige -Filme).

Damit sind Texte aber nach wie vor oft die einzigen Brücken zu den Denkweisen unserer Vorfahren - und den größten Genies der Vergangenheit!

  1. , weil an Texte seit der Erfindung des Buchdrucks und des Fotokopierers leicht heranzukommen ist.

  2. , weil Texte leicht zu handhaben sind

(wer mal mit der maroden Computer-Infrastruktur von Schulen gekämpft hat, kann ein Lied davon singen):

"Was du schwarz auf weiß [?] besitzest
,
Kannst du getrost nach Hause tragen."
(Johann Wolfgang Goethe)

Texte sind (allzu) leicht verfügbar. So hat mir jüngst ein Schüler erzählt, er habe im ersten Schulhalbjahr im Physikunterricht kein einziges leibhaftiges Experiment gesehen, sondern der Lehrer habe immer nur auf Abbildungen und Versuchsbeschreibungen im Schulbuch verwiesen.

  1. , weil viele Lehrer noch gar nicht die Möglichkeiten „Neuer Medien“ entdeckt haben.

Für ungeübte Leser (also viele Schüler) sind Texte aber einfach nur Ansammlungen von Druckerschwärze . Diese (Nicht-)Leser sind nicht fähig, die Texte mit Leben "aufzupumpen" und in vielfältige Beziehungen zur Außenwelt, aber auch zu Erinnerungen zu setzen.

(Die Schule kann noch so viele Texte "analysieren", die Lesefähigkeit wird [nicht] zuhause trainiert. Und hier muss man doch mal J.K. Rowling für ihre Harry-Potter-Bücher danken

[die mir nun wahrhaft nicht gefallen]:

sie

[und der Hype um sie]

hat es überhaupt erst wieder geschafft, viele Jugendliche ans Lesen zu bringen, die sonst niemals ein Buch anfass[t]en.

Und die wohl unvermeidlichen Harry-Potter-Filme haben dann alles wieder totgeschlagen: seit ihnen sieht z.B. Harry Potter eindeutig und unwiderruflich so aus: )


Nebenbei:

(vgl. ).

Mir ist noch lange nicht nach „Untergang des Abendlandes“ zumute: vielleicht sind die (guten) Serien, die derzeit das Internet fluten, ja würdige Nachfolger des Romans.

Und die Serie kann vielleicht wirklich

(wie mein Bruder sagte)

die Hälfte der Texte im Philosophieunterricht ersetzen.

Allein das Anschauen der Einzelfilme dieser Serie führt aber noch lange nicht automatisch dazu, dass sie Schüler sie auch in ihrer Komplexität verstehen. Vielmehr muss dann doch noch etwas folgen, was den meisten Schülern vermutlich gar nicht gefällt, nämlich eine eingehende Untersuchung und "Durchdringung" der Filme.


"Eigentlich" sollte eine eiserne Regel gelten:

was immer in der "freien Wildbahn" außerhalb der Schule möglich ist, sollte auch tatsächlich da stattfinden

(und wieder: die "Weltabgeschlossenheit" des Klassenraums ist dann allemal für eine tiefere Durchdringung ideal).

Dazu müssten aber auch die bestehenden Lehrpläne entschlackt und sowohl zeitlich als auch inhaltlich geöffnet werden.

Ein einziges Beispiel: das Phänomen des Nebels kommt bislang überhaupt nicht in irgendwelchen Lehrplänen vor. Wenn dann aber tatsächlich mal draußen eindringlicher Nebel herrscht, sollte es aufgeschlossenen Lehrern möglich sein, ad hoc für einige Zeit den bestehenden Lehrplan auszusetzen und eine Unterrichtseinheit zum Nebel einzufügen

(vgl. ).