
Das Lehrerkollegium des "Theophrastus-Bombast-Gymnasiums" ist von der Schulleitung oder (noch schöner) der übergeordneten Schulbehörde (in NRW die Bezirksregierung) zu einem "pädagogischen Tag" mit dem Titel
"Was soll unsere Schule leisten?"
verdonnert worden.
Die zugereisten "Moderatoren"
(meist Mitglieder irgendeines "Kompetenzteams")
wollen nicht anfangs autoritär bzw. superschlau Input geben und eröffnen deshalb mit einem "Brainstorming" der Lehrerinnen in Kleingruppen zum Thema
"Was soll unsere Schule leisten?"
Da das Lehrerkollegium zu dem pädagogischen Tag "verdonnert" worden ist, schaltet es das Gehirn weitgehend auf Durchzug, und nur die ewig gleichen Jasager und Vordrängler beteiligen sich aktiv am Brainstorming.
Entsprechend mager sind dann auch die Ergebnisse des Brainstormings:
Schulgemeinschaft - Kompetenzen - Fertigkeiten - Hochbegabtenförderung - "no child left behind" - Differenzierung - Hospitation - Verbesserung des Fachunterrichts - Lehrerrolle - Klassengemeinschaft
Weil das Ergebnis so mager ist, fügen die (schon ein wenig verzweifelten) Moderatoren dem ursprünglichen Thema das kleine Wörtchen "noch" hinzu:
"Was soll unsere Schule denn noch alles [!] leisten?",
wobei "noch" dann wohl "zusätzlich " (zum bislang mageren Ergebnis) bedeutet.
Als nach der neuen Frage erstmal allgemeines und zunehmend peinliches Schweigen im Walde herrscht, nennen einige Lehrer aus Mitleid mit den Moderatoren noch einige weitere "Baustellen" der Schule, und als das Eis erstmal gebrochen ist, kommt endlich doch noch eine ansehnlich lange Liste zustande:
Schulgemeinschaft - Kompetenzen - Fertigkeiten - Hochbegabtenförderung - "no child left behind" - Differenzierung - Hospitation - Verbesserung des Fachunterrichts - Lehrerrolle - Klassengemeinschaft - Erfahrungen - Lernerfahrungen - Schullaufbahn - Vorerfahrungen - Erinnerungen - Anschaulichkeit - Erfolgserlebnisse - Misserfolge - Evaluation - Eindrücke - Vorstellungen - Hoffnungen - Lerninteraktionen - Reflexion - Vielfalt - Inklusion - Heterogenität - Verantwortung - Vorbildfunktion - fördern - Strafen? - Pausenraum - Bücher - Schulmaterial - Schultasche - Klassenarbeiten - Zeugnisse - Noten - Ethik - Pausen - Stundenplan - Stundenausfall - Freistunden - Klassenlehrer - Klassenraum - Schulgebäude - Aula - Sitzecken - Werkraum - Chor - Gartenarbeit - Kochen - Erste Hilfe - Mitschüler - Schulentwicklung - Zielvereinbarungen - Ressourcen - Monitoring - Spielräume (wo Schüler spielen können; Freiheiten der Lehrer) - Maßnahmen bei Fehlverhalten - Chancen - Indikatoren - Feedbackkultur - Steuerung - Moderation - Herausforderungen - Ideen - Unterrichtsqualität - Kommunikation - Kooperation - Diskussion - Planung - Unterrichtsprojekte und Projekttage - Konzept - Evaluation - Fortbildung - Prozess - Lernziele - Kompromisse - Schulsozialarbeit - Beratung - Prävention - Konfliktlösung - gegenseitiges Vertrauen - Unterstützung - Respekt - Zusammenarbeit - Akzeptanz - Toleranz - Mut - Schulalltag - Offenheit - Zuhören - Überbetonung des Kognitiven - Gefühlen Ausdruck geben - Zusammenhalt - Schulseelsorge - Seele - Sorge - Sinn - Suche - Trauer - Wut - Angst - Enttäuschung - Unerwartetes - Unerhörtes - Unerklärliches - Glaube - Menschenwürde - Hoffnung - Zeit - Trost - Schweigepflicht - Freiwilligkeit - Tod - Trauer - interreligiös - multikulturell - KI im Untericht - Digitalisierung - Methodentraining - Individualität - Mobbing - zentrale Prüfungen - Lehrpläne - Elternarbeit - Lernzentrum - Medienkompetenz - Ökonomie - Gesundheit - Wissenschaftspropädeutik - Berufsvorbereitung / Allgemeinbildung - Teamteaching - außerschulische Angebote und Kontakte - außerschulische Lebenswelt der Schüler - Referendarsausbildung ...
(Wie das nunmal beim Brainstorming ist,
Es würde mehrere Stunden dauern, das zu strukturieren, teilweise auszumisten, aber auch zu ergänzen.
Und es würde für das Kollegium hunderte von Stunden dauern, die Schlagwörter mit Inhalt zu füllen und "belastbare" praktische Konsequenzen daraus zu ziehen.
Womit ich nicht andeuten will, dass das sinnlos wäre.)
Direkt nach der Nennung der Referendarsausbildung schreit aber ein Kollege voller Entsetzen:
"Was, um Gottes willen, soll unsere Schule denn NOCH alles leisten?"
("NOCH
alles" bedeutet hier wohl "NOCH
mehr und
NOCH
mehr und
NOCH
mehr ... bis ins Aschgraue":
)
Danach sackt er in sich zusammen, bricht er
(der sonst nicht gerade nah Wasser gebaut hat und ansonsten als sehr guter und fleißiger Lehrer gilt)
in Tränen aus und ist von in seiner Nähe sitzenden Kollegen minutenlang nicht zu trösten.
Die Moderatoren verkünden deshalb erstmal eine Pause, aus der der Kollege sowie einige ihn begleitende Kollegen nicht mehr zurückkehren.
Natürlich gibt es auch unter Lehrern "faule Säcke"
(der spätere
Bundeskanzler Gerhard Schröder über alle Lehrer;
nebenbei: faule Säcke gibt es auch in allen anderen Berufen).
"Was, um Gottes willen, soll unsere Schule denn NOCH alles leisten?"
... ist inzwischen das Grundgefühl insbesondere der fleißigen Lehrer
(also derer, die
,[statt sich einfach am Schulbuch entlang zu hangeln]
Ich vermute zudem, dass das insbesondere älteren Lehrern so geht:
, weil sie nicht mehr so belastbar sind
(bzw. nicht mehr so belastbar gemacht worden sind; immerhin gibt es aber für sie schon Ermäßigungsstunden),
, weil sie resigniert sind:
(Bei Konferenzen über Arbeitserleichterungen schalte man in den Totstellreflex um: da kommt garantiert nichts bei raus - außer der Verteidigung uralter Erbhöfe.)
Ich kenne (und bewundere!) allerdings auch Lehrer
kurz vor der Pensionierung, die durch nichts zu desillusionieren
sind:
.
Insbesondere haben aber Lehrer ein Recht auf Stöhnen oder gar Verzweiflung, die z.B. an Brennpunktschulen die gesellschaftliche Suppe auslöffeln müssen / sollen, die anderswo angerichtet wurde.
(Lehrer, die das auch nach Jahren noch mit großem
Engagement versuchen, sind für mich die wahren Helden des Lehrerberufs
, und ihnen
sowie ihren Schülern hat als allererstes die Sorge der
Schulpolitik und -bürokratie zu gelten, und zwar nicht durch Vorschriften, sondern Unterstützung!)
Zwei erste Vorschläge, um das "viel zu viel" zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen:
als Präambel eine einzige neue Regelung: für jede Neuerung muß (mindestens) eine längst überholte alte Regelung gestrichen werden.
ist natürlich ist Schule natürlich auch dazu da, Schüler zu kritischen Teilnehmern der Gesellschaft zu "erziehen"
(wobei Kritik keineswegs nur Negativ-Kritik ist).
Aber Schule ist völlig überfordert, wenn sie die Rundum-Reperaturwerkstatt aller gesellschaftlichen Probleme sein soll.
"Die Jugend war noch nie so schlecht wie schon immer" und ist vor allem (Zerr-)Spiegel ihrer jeweiligen Zeit, d.h. (zunehmende?) Verhaltensauffälligkeit von Jugendlichen
Man könnte sich also doch mal fragen, wo solches Verhalten vorgemacht wird
(z.B.
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"[...] a
child watches 1500 murders before he's Twelve years old and we wonder why we've created A Jason generationthat learns to laugh Rather than to abhor the horror" [Die "öffentlich-rechtlichen" und inzwischen anscheinend völlig resignierten Sender ARD und ZDF senden jeden Abend zur "prime time" abwechselnd einen [grausig schlechten] deutschen Krimi.] |
) |
und wie man es dort verhindern kann, statt die Folgen an die Schulen zu delegieren.
Ganz anders wäre der pädagogische Tag vermutlich verlaufen, wenn sein Titel
"Was kann unsere Schule [nicht] leisten?"
gelautet hätte: