das Schulfach „ReligionEN“

Vorweg:

vor 30 Jahren, als ich mein Referendariat abgeschlossen hatte, gab es bundesweit kaum Lehrerstellen

(in Niedersachsen, wo ich mein Referendariat gemacht hatte, herrschte sogar ein fünfjähriger totaler Einstellungsstopp).

Ich habe daraufhin 280 (!) Bewerbungen

(nicht nur für Lehrerstellen)

geschrieben. Die einzige Stelle, die in absehbarer Zeit für mich erreichbar war, war eine Lehrerstelle an einer katholischen Schule

(damals noch mit mehreren Nonnen, darunter auch die Schulleiterin).

Bei der Perspektive, an einer katholischen Schule zu arbeiten, habe ich damals zuerst einen Schrecken bekommen: eine Rückkehr an den Rockzipfel von Muttern Kirche hatte mir gerade noch gefehlt!

Ich bin dann aber angenehm enttäuscht worden:

(zwei von ihnen sind für mich sogar gute Freundinnen geworden),

    1. in dem alles in allem doch sehr harmonischen Lehrerkollegium,
    1. bei der freundlichen (vorsortierten) Schülerklientel

(die Schüler kamen weitgehend aus sogenannten „besseren“ Elternhäusern),

    1. , weil mir da niemals jemand Vorschriften gemacht hat und überhaupt katholische Schulen anfangs noch

(im Vergleich mit der kultusministeriellen Regelungswut an öffentlichen Schulen)

erhebliche Freiheiten hatten

(was mich am Lehrerberuf gestört hat, war nie dadurch bedingt, dass die Schule katholisch war, sondern entsprang durchsickernden kultusministeriellen Vorgaben).

All das macht mich aber doch nicht blind für „übergeordnete“ Probleme, bzw. der Erhalt meines positiven status quo konnte doch kein schulpolitisches Kriterium sein.

(Ich bin ja z.B. auch fassungslos, wenn für Leute in meinem Umkreis bei Landtags- oder Bundestagswahlen einziges Kriterium ist, dass eine Partei ihren [der Leute] eigenen status quo [= Besitztümer] zu erhalten oder verbessern verspricht.

Aber ich will's mir ja auch nicht allzu leicht machen: ich hätte ja irgendwann konsequent beispielsweise zu einer öffentlichen Gesamtschule wechseln können - und bin doch brav an "meinem" kuscheligen katholischen Gymnasium geblieben.)


Man kann sich ja trefflich streiten, ob es in einem (glücklicherweise!) säkularen Staat überhaupt konfessionelle Schulen geben sollte

(mal ganz abgesehen davon, dass [abgesehen von einigen wenigen restlichen Erzkatholen und -evangelen] sowieso keiner mehr den Unterschied zwischen den Konfessionen kennt).

Und sowieso sind „Privat-“ bzw. „Ersatzschulen“ eine zwiespältige Angelegenheit:

(z.B. Montessori-Schulen)

die pädagogische Vielfalt auf einem ansonsten vermutlich griesgrauen „Markt“ und sind sie ein wenig meistens doch schwachsinnigen kultusministeriellen Erlassen entzogen,

    1. erheben einige von ihnen immense Schulgelder, so dass es sich nur Reiche leisten können, ihre Kinder dorthin zu schicken; das hat dieselben Folgen wie private Krankenkassen

(die ich, wenn das rechtlich möglich wäre, sofort abschaffen würde, worin sich - nebenbei gesagt - auch alle Ärzte in meinem Freundes- und Verwandtenkreis mit mir einig sind):

Privatschulen und private Krankenkassen heben das Solidaritätsprinzip auf, indem sie dem allgemeinen, öffentlichen System die „Leistungsträger“ (???) entziehen, also
(nunja, auf die Gefahr hin, dass die "Gebildeten" von den "Ungebildeten" auch ein wenig herab gezogen werden.

Nebenbei: kaum jemand weiß, dass sogenannte private "Ersatzschulen" zu 94 [!!!] % aus öffentlichen Geldern finanziert werden.)
    1. liegen "Privatschulen" natürlich voll im Trend   :

(und das staatliche Tafelsilber verscherbelt, denn welcher "Investor" würde schon etwas kaufen, was keinen Gewinn verspricht?!);

oder genauer: alles außer den gigantischen Verlusten, die von Finanzinstituten in Finanzkrisen angerichtet werden.

    1. können sich Privatschulen

ihre Schülerschaft aussuchen und bei einem sich später vielleicht herausstellenden "Fehlgriff" auch den Schulvertrag kündigen, was dann beispielsweise in einer Stadt im Bergischen Land zur Folge hatte, dass die katholische und die evangelische Realschule sich die sozialen Probleme vom Leibe hielten, die öffentliche Realschule aber "Resteverwertung" betreiben und die sozialen Probleme auslöffeln musste - womit nur das Klischee bestätigt wurde, dass die Leistungen an der öffentlichen Realschule geringer waren als die an den konfessionellen Realschulen.


Nun aber zum äußeren Anlass dieses Essays:


(, 10.11.2017)
Interessant sind insbesondere die in den Zeitungsartikeln mehr oder weniger direkt wiedergegebenen Urteilsbegründungen:
Bemerkenswert ist allerdings auch:
Nun habe ich zwar Einiges über den Islam gelesen, kann aber nicht gerade behaupten, Islamexperte zu sein. Immerhin meine ich aber verstanden zu haben, dass es im Islam eben gerade nicht so etwas wie eine kirchliche Verfasstheit und eine klare Hierarchie gibt.

Wird da also mit den "Bedingungen" ein spezifisch christlicher Religions-Maßstab an den Islam gelegt, dem dieser sowieso nicht entsprechen kann?

(... und für einen richtigen Katholiken ist ja sowieso alles andere „Sekte“.)

Mit demselben Recht könnte man doch die christliche Vorstellung von einem Gott zum Kriterium von Religion machen und damit
Geht es aber überhaupt ohne einen (wenn auch minimalen) Kriterienkatalog für „Religion“? Sonst könnte ja jede schwachsinnige Splittergruppe

(z.B. „Scientology“)

für sich beanspruchen,
(Auszug aus dem Grundgesetz:

“Artikel 4:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
[...]“),


Ein Problem bei den Interessensvertretungen des Islams in Deutschland besteht zudem darin, dass sie teilweise problematische Demokratievorstellungen haben oder ihnen zweifelhafte Teilverbände angehören.

(Vgl.


Letztlich geht es mir hier aber gar nicht um den Islam, sondern um die besonderen Rechte, die die christlichen Kirchen in Deutschland haben.

Nun bin ich ja kein (Verfassungs-)Jurist und kann deshalb nur mit „gesundem (?) Menschenverstand“ argumentieren:

ich finde es gut und wichtig, dass im Grundgesetz steht:

“Artikel 4:
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."

Zwar haben sich viele Diktaturen auf Religion gestützt

("Nothing frightens me more
  than religion at my door."
  [John Cale],
wobei allerdings Religion meist nicht die Ursache, sondern "nur" das ideologische Deckmäntelchen war)
,

aber genauso häufig haben Diktaturen auch Religion erbarmungslos verfolgt:

"Gegenwärtig ist das Christentum die weltweit am stärksten unterdrückte Religionsgemeinschaft. Das christliche Hilfswerk Open Doors gibt an, dass weltweit etwa 200 Millionen Christen in etwa 60 Ländern wegen ihres Glaubens von Misshandlungen, Folter, Vergewaltigung, Gefängnis oder Tod bedroht seien beziehungsweise wegen Ihres Glaubens benachteiligt und diskriminiert würden."
(Quelle: )

Und ich traue durchaus auch dem gegenwärtigen Stumpf-Atheismus ein Kesseltreiben nicht nur

(wie jetzt schon aufgrund einiger berechtigter Sorgen)

gegen den Islam, sondern bald auch gegen das Christentum zu

(merke:
  • „»Lassen Sie doch diesen Unsinn, Schnier. Was haben Sie nur?« »Katholiken machen mich nervös«sagte ich, »weil sie unfair sind.« „Und Protestanten?« fragte er lachend. »Die machen mich krank mit ihrem Gewissensgefummel.« »Und Atheisten?« Er lachte noch immer. »Die langweilen mich, weil sie immer nur von Gott sprechen.«“
    [Heinrich Böll]
  • ein intelligenter Mensch posaunt - bei aller angebrachten Religionskritik - niemals seinen Atheismus heraus, sondern ist Agnostiker;
nebenbei: Atheisten, die fanatisch antireligiös sind
[also z.B. ],

sind mir genauso suspekt wie religiöse Fanatiker;

und manchmal habe ich mich als Lehrer genötigt gefühlt, gläubige Schüler gegen die Verächtlichmachung durch stumpfatheistische Mitschüler zu schützen und zu verteidigen)
.

Gleichzeitig verstehe ich aber nicht, wie aus der Freiheit des Glaubens in Deutschland gefolgert werden konnte, dass für die christlichen Kirchen Sonderrechte existieren, wie sie keine andere Institution hat:
  1. besondere, inzwischen doch nur noch altertümlich wirkende Anforderungen an die "Moral" der Mitarbeiter

(z.B. das Verbot von Ehescheidungen und Wiederverheiratungen;

aber da tut sich was:   ),

  1. Ungültigkeit des Betriebsverfassungsgesetzes

(z.B. dürfen Kirchenmitarbeiter nicht streiken, womit ihnen - wie ich finde - ein fundamentales Recht vorenthalten bleibt, was erstaunlicherweise sogar noch jüngst vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde:  ),

  1. , was mich hier am meisten interessiert: dass (s.o.) die christlichen Kirchen

Nun wird es in einer zunehmend un-kirchlichen Gesellschaft früher oder später all diesen Sonderrechten der Kirchen an den Kragen gehen - und dann auch das Verfassungsgericht anders entscheiden

(es sei denn, mein Vater behält recht, der immer sagte:

"den Menschen geht's zu gut, und wenn die Zeiten wieder schlechter werden, sind auch die Kirchen wieder voll"

[was sich manchmal so anhörte, dass er auf solche eine Verschlechterung hoffte];

vgl. auch Kurt Tucholsky:

"Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.").


Die Position der großen christlichen Kirchen in Deutschland ist ausgesprochen wackelig:

(wobei ich noch unterscheiden würde zwischen

      • „Karteileichen“, die oftmals nur noch aus alter Gewohnheit Kirchenmitglieder sind und eigentlich nur noch ihre Kirchensteuer bezahlen,
      • und halbwegs regelmäßigen Kirchenbesuchern sowie in Pfarrgemeinden Engagierten:

man gehe mal sonntags in die erstbeste Kirche: sie ist halbleer, und die allermeisten Besucher sind grauhaarig, d.h. da wird sich schon bald eine  [zynisch gesagt] „biologische Lösung“ ergeben);

(ein allerdings höchst gefährliches Kriterium: „Verletzung religiöser Gefühle“) 

nehmen und kann nicht sofort mit eisernem Besen auskehren

(von heute auf morgen das Kreuz in staatlichen Schulen verbieten?).


Wenn's nach mir ginge, würde der konfessionelle Religionsunterricht sowieso abgeschafft, aber

(um nicht einen Begriff zu benutzen, der für Schulen viel zu abgehoben wäre: "[vergleichende] Religionswissenschaft").


Mag sein, dass die deutsche Gesellschaft immer a-religiöser wird

(ich bin mir da gar nicht so sicher; vielleicht wird sie nur un-kirchlicher).

Aber man kann doch nicht drumherum, dass

(ob man's gut findet oder nicht; und ob es einem bewusst ist oder nicht)

massiv durch die nunmal christliche Vergangenheit geprägt ist.

Zumindest kann man weder die Geschichte noch die Literatur verstehen, wenn man keine christlichen Grundlagen mehr kennt.


Aber mir ist gar nicht nach Wehklagen zumute: vermutlich werden immer weniger Menschen auch nur eine leiseste Ahnung von christlichen Grundlagen haben

(z.B. ist Pfingsten [oder genauer: der Pfingstmontag] für sie nur ein nichtssagender freier Tag),

wenn sie nicht mehr (wie wir früher) jeden Sonntag zum Gottesdienstbesuch verdonnert werden und Glaubensinhalte sowie religiöse Texte nicht mehr mit der Muttermilch mitbekommen.


Das Fach "ReligionEN" würde die verschiedensten religiösen Vorstellungen und alle Weltreligionen umfassen - und selbstverständlich auch die Themen

Weil aber das Christentum lange Zeit die unsere Heimat Europa dominierende Religion („Leitkultur“?) war, wird es wohl auch im Fach „ReligioneEN“ im Vordergrund stehen.


Selbstverständlich könnten die christlichen Kirchen für das Schulfach „ReligionEN“ Anregungen geben, aber genauso selbstverständlich hätten sie

(auch an den religiösen Fakultäten der [öffentlichen] Universitäten)

kein inhaltliches Einmischungsrecht mehr und dürften natürlich auch nicht über die Besetzung der Religionslehrerstellen mitentscheiden.

In den meisten Fällen würde dann wohl noch ein Katholik oder Protestant

(aber gerne, wenn auch seltener ein Jude oder Moslem)

den Unterricht erteilen, aber er wäre gehalten, seine religiösen Vorstellungen "außen vor" zu lassen

(so, wie ein Lehrer Mitglied einer Partei sein mag, in der Schule aber keine Parteipolitik betreiben darf;

was trotz allem nicht ausschließt, dass ein Lehrer auch mal religiös oder politisch Stellung bezieht und die Schüler sich mit dieser auseinandersetzen;

und überhaupt sollte durchaus auch rüberkommen, was Religionen so anziehend macht, also z.B.  ).


An einem städtischen, also nicht-kirchlichen Gymnasium gibt es ab und zu

(z.B. zum Schuljahrsanfang und -ende)

während der Unterrichtszeit katholische Messen in einer nahegelegenen Kirche.

Man kann sich streiten, ob solch eine „Veranstaltung“ katholischer Messen Aufgabe einer öffentlichen Schule sein kann / darf.

Wofür ich aber gar kein Verständnis habe, ist, dass es bei den Schulmessen eine Anwesenheitspflicht für alle

(also auch nichtchristliche, also z.B. atheistische oder moslemische)

Schüler gibt.

(Da nunmal eine Aufsichtspflicht der Lehrer für untere Klassen gibt, müsste die Möglichkeit bestehen, dass Schüler, die nicht in die Messe gehen wollen, während dieser Zeit irgendwo im Schulgebäude beaufsichtigt würden.)

Dass nichtchristliche Schüler aber zum Besuch einer Messe gezwungen werden, finde ich schlichtweg unzumutbar, ja unerträglich.


Genauso unzumutbar wäre es, wenn nichtchristliche Schüler zu katholischem, evangelischem oder von mir aus auch moslemischem Religionsunterricht gezwungen würden.

(Glücklicherweise gibt es da inzwischen immerhin die Alternative „Ethik“ o.ä.:

       ,

wobei mir „Ethik“ aber eine Bonsai-Variante von Religion zu sein scheint: Religion ist ja wohl ein bisschen mehr als Moralisieren, auch wenn die Kirche genau das lange Zeit betrieben und in ihren Handlungen oftmals dieser Moral Hohn gesprochen hat. Schon gar nicht hat Religion aber ein Ethik-Monopol.)

Für sehr wohl zumutbar hielte ich aber die verpflichtende Teilnahme am Fach „ReligionEN“! 


Mit der Einführung des Schulfachs "Religionen" wäre auch das Islamproblem, wie es oben dargestellt wurde, obsolet:

selbstverständlich wäre auch der Islam Thema des Faches "Religionen"

(inkl. einer historisch-kritischen Analyse des Islams, die allerdings einigen Moslems genauso wenig gefallen dürfte, wie eine solche Analyse des Christentums vielen christlichen Fundamentalisten nicht in den Kram passt).